Dinner for one?

Alleine essen gehen. Wie macht man das eigentlich, wenn man vorher noch nie in die Verlegenheit kam? Und wo zur Hölle setzt man sich hin? Nach einer langjährigen Beziehung ist unsere Autorin wieder unter die Singles gegangen. Was sie dabei erlebt, verrät sie in ihrer Kolumne “Solitärspiel”. 

© M. Rathje

Da steht man nun als frischgebackener Single beim Vietnamesen vor dem Ladentresen, wie der Ochs vor´m Berg. Alles halb so schlimm, dachte ich. Und nun trete ich peinlich berührt von einem Bein auf´s andere, zerkaue meine Unterlippe und versuche, Zeit zu schinden. Mit der sanftmütigen Nachsicht eines schlanken Buddhas lächelt mich der nette Kellner an und wiederholt seine Frage: “Hier essen oder mitnehmen?”

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, meine Pho hier zu essen. Wo sollte ich die Suppe auch sonst schlürfen? Seit mein Ex mich verlassen hat und ich nicht mehr um die Ecke wohne, haben ich und meine Suppe hier keine Anlaufstelle, keine Zuflucht mehr. Suppe To-Go stelle ich mir irgendwie schwierig, schwappend und eher suboptimal vor. Also Augen zu und durch: “Hier essen. Bitte. Am Tisch. Mit Stuhl. Danke.” Okay, die Tisch-Stuhl-Erwähnung hätte ich mir schenken können. Trotzdem souverän gemeistert. Ich klopfe mir innerlich auf die Schulter, nicke erst mir selbst und dann der Bedienung zu. 

Also los. Ich trete den schweren Gang durch die Tischreihen an und suche nach einem geeigneten Platz. Links ein Pärchen. Dahinter drei unerträglich gutgelaunte Freundinnen. Auf der rechten Seite ein Typ, der in seinem Buch blättert. Verdammt! Ich bin so eine Amateurin! Ich hätte mir auch ein Buch mitbringen sollen. Also verkrieche ich mich nach hinten in die allerletzte Ecke und suche mir einen Fensterplatz.

Da sitze ich nun und schaue auf die Wimmelbild-Straße und die vielen Menschen. Alles kein Problem. Ich bin einfach eine Frau, die alleine beim Vietnamesen sitzt und auf ihr Essen wartet. Das machen Frauen ständig. Das hier ist bloß mein erstes Mal in einer Reihe von vielen ersten Malen. Ich tröste mich damit, dass ich den anderen etwas voraus habe. Das ist gut oder? Nennt mich Goldmarie. Genau in dem Moment streifen mich die Blicke von drei ansehnlichen Typen, die an meinem Fenster vorbeifliegen wie eine kichernde Peter-Pan-Schar. Ich wurde entlarvt und ertappt. Als Pechmarie krame ich in der Tasche nach meiner letzten Rettungsboje – dem Handy.

Lustlos wische ich mich durch Instagram-Fotos, WhatsApp-Nachrichten und Artikel-Teaser. Als endlich meine Pho kommt, bin ich fast schon dankbar. Aber damit geht die peinliche Jonglage jetzt erst so richtig los. Während ich noch versuche, gleichzeitig meine Suppe zu schlürfen, WhatsApp zu schreiben und dabei das Display mit Brühe besprenkle, wird mir die Sinnlosigkeit meines Unterfangens klar. Wer cool Pho löffeln will, sollte sich nicht im Multitasking versuchen. Ich gebe mich geschlagen und lege mein digitales Sozial-Alibi beiseite. 

Mein Blick schweift durch den Raum und trifft den eines nett aussehenden Typen. Er ändert seine Richtung und steuert direkt auf mich und meinen besprenkelten Tisch zu. Mit Verschwörermiene fragt er, ob er sich dazusetzen darf. Na siehste. Hab ich doch von Anfang an gesagt: Alles halb so schlimm.