Umzug mit Garnele

Für unsere Autorin steht der Umzug in die neue Single-Wohnung an. Wer hätte gedacht, dass der seelische Beistand ausgerechnet von einer Garnele kommt?

© M. Rathje

Wenn mich jemand gefragt hätte, wie ein typischer Umzugstag aussieht, hätte ich vermutlich Bilder von verschwitzt-nörgelnden Umzugshelfern, Schnittchen und Bier, Wollmäusen unter´m Bett, Tetris-Spielen im Umzugswagen und unsinnigen Treppenhausketten im Kopf gehabt. Hiermit habe ich nicht gerechnet. Aber anstatt lautstark die Effizienz von Treppenhausketten infrage zu stellen, sitze ich jetzt mit meiner Garnele “Fiete” in der überfüllten Bahn der Linie U7 und versuche, nicht allzu viel mit dem Wasserglas herumzuwackeln.

Mein Umzug wird eher unkonventionell, aber das geht schon in Ordnung. Vielleicht sind normale Umzüge eher für normale Leute gedacht. Seit ich allein bin, ist bei mir nichts mehr normal und alles neu. Wobei: Ganz allein bin ich ja nicht. “Fiete” starrt mich vorwurfsvoll aus seiner kleinen abgeschlossenen Glaskugel-Biosphäre an, als ob er mich fragen wolle, was ich mir bei all dem Gerüttel eigentlich denke. Ich schaue zurück und murmle “Schon gut, kleiner Mann. Nicht nur deine Welt ist aus den Fugen geraten”. Den irritierten Blick meiner Sitznachbarin erwidere ich mit “Er mag Umzüge nicht besonders. Aber wer mag die schon?”

Mein Umzug ist perfekt durchgeplant. “Fiete” und ich fahren jetzt zur Schlüsselübergabe in die neue Wohnung. Während sich mein kleiner Krebs-Buddy schon einmal einlebt, werden zwischenzeitlich Möbel aus meiner derzeitigen Übergangs-WG sowie auch aus meiner alten Wohnung abgeholt. In letzterer Location haust noch der Herr Ex. Ich bezweifle zwar, dass Lippenstift und Deo bei der Begegnung später wirklich notwendig sein werden (zumal ich zerrissene Schlunz-Klamotten anhabe), aber im absoluten Notfall bin ich für den Singlelady-Ego-Boost gewappnet. 

Plötzlich kommen mir doch Zweifel. Schaffe ich das überhaupt? Was, wenn ich beim Anblick meines gesamten Hab und Guts zusammenbreche? Das kann ich heute echt nicht bringen. Bin ich überhaupt bereit für die neue Wohnung? Ich bin über 30, aber habe seit über einem Jahrzehnt nicht mehr alleine gewohnt. Wie lebe ich überhaupt alleine? Wie soll ich die Deckenlampen anschließen? Wie Löcher bohren? Vor allem ohne Bohrer? Kann man überhaupt alleine ein Bett aufbauen? Die Erkenntnis überrollt mich wie eine Dampfwalze: Ich werde irgendwann als wunderliche Katzenlady in einer Wohnung ohne Deckenlicht, ohne Löcher in den Wänden und mit einem unmontierten Bett vereinsamen. Mein Gott! Ich habe ja nicht einmal Katzen, um eine einsame Katzenlady zu werden.

Während ich in der überfüllten U7 noch überlege, wo ich jetzt auf die Schnelle ein Dutzend räudiger Katzen herbekomme, schwimmt “Fiete” ganz nah an das Glas heran. Ich denke nach. Er ist auch allein. Er ist allein, weil seine kleinen Garnelenfreunde nach und nach ins Kieselstein-Sediment gebissen haben. Aber „Fiete“ hat mich. Und ich hab ihn. Und wir haben Freunde. Wir haben Familie. (Gut. Er nun nicht mehr. Aber ich.)

Wir werden uns bei den Deckenlampen und beim Aufbau des Bettes Hilfe holen. Wir werden einfach selbst lernen, wie man Löcher bohrt. Ich hoffe nur, “Fiete” weiß, wann wir welchen Aufsatz brauchen.